Deutscher Schlager im Radio

Mein Gastbeitrag erschien auf radioszene.de  zum Thema Schlagerformate. Wohin geht die Reise ? Ist sie wirklich zu Ende, oder ziehen wir nur die falschen Schlüsse und bauen Formate nach gängigen Methoden zusammen ? Denken wir doch mal darüber hinaus und definieren das Thema Schlager im Radio neu:

Quo Vadis deutscher Schlager im Radio ?

Passen die Musikformate der Radiostationen tatsächlich noch zu den Anforderungen der Hörer? Marktforschung und Soziodemografische Daten und Einordnungen (Sinus Milieu) geben klare Auskünfte über ein Format welches zur Zielgruppe passt. Das Ergebnis ist eindeutig. Was aber, wenn dieses Ergebnis in seiner Eindeutigkeit nur eine Konstruktion ist? Das Beispiel sind die sogenannten Melodieformate. Ein dehnbarer Begriff. Unter dieser Headline befinden sich sämtliche Schlager, Schlager-Oldie, Schlager-Pop und zum Teil auch Soft-Pop bzw. Oldie-Based Programme, die mal Schlagerprogramme waren. Ich kenne aus der Medienforschung verschiedener Anbieter zwei Möglichkeiten. Die einen sagen Schlager ist vorbei als Radiothema und begrenzt. Die Anderen sagen, es geht noch länger gut weiter.  Paradoxerweise ist beides irgendwie richtig. Warum? Weil der Schlager tatsächlich begrenzt und weil Schlagerorientierte Programme die schon länger im Markt sind tatsächlich weiterhin gute Quote haben. Aus meiner Sicht greift aber das Vehikel der Marktforschung, des Mapping hier zu kurz. Denn Schlager ist nicht gleich Schlager und die Zielgruppe obendrein auch noch heterogen.

Was ist eigentlich Schlager ? Peter Kraus, Helene Fischer oder Phil Collins ? 

Zweifelsfrei ist der Schlager der 60er und 70er Jahre und das was man der ZDF Hitparade zuschreibt eine echte Begrenzung und macht sicher keinen großen Teil der Hörerschaft glücklich. Zudem werden die hier Glücklichen durch die Beimischung von englischen Titeln wieder unglücklich. Also, welcher Schlager ist denn der Richtige und was passt denn dazu?

Die Formel: Hörer ist 50 oder gar 60 plus, die Beigabe von Oldies aus dem internationalen Bereich und dem Spielen der gesamten Schlagerwelt ab den 60ern ist sicher keine optimale Mischung. Diese ist alt, gestrig und  kann nur wie ein Oldie Format funktionieren, also als Programm welches man ab und zu mal hört.  Die Conclusio der Schlagerhörer mag Oldies und deshalb mischen wir nur diese beiden “Farben“ in die Programme, schätzt den Hörer falsch ein. Der Hörer, der Schlager mag und reden wir hier mal lieber von Interpreten wie Roland Kaiser, Andrea Berg, Helene Fischer, Münchener Freiheit, Bernhard Brink usw. mag es musikalisch einfach und ohne Anstrengung, aber damit eben auch poppig, denn so sind die Songs dieser Interpreten produziert. Wenn er es „poppig“ mag, dann sollten die internationalen Titel  in erster Linie poppig sein. Sie können alt , aber eben auch moderner sein (also 80er bis heute).

Ein Melodienformat, welches den neuen Sound nur über die deutschen Schlager transportiert und dazu nur Altes mischt ist eindeutig nicht optimal aufgestellt. Konkret, neben Berg, Fischer, Kaiser passen doch hervorragend, Lionel Richie, Celine Dion, Abba, James Blunt. Der Weg der Melodieformate liegt aus meiner Sicht nicht in einem schleichenden Wechsel hin zum Oldie Based AC, sondern in einem konsequenten Umsetzen in ein Schlager-Pop oder besser Deutsch-Pop Format, welches den Nostalgie Touch gänzlich ablegt.

 

 

 

Da soll ich reinsprechen ?

Vor noch 30 Jahren gab es überall verstreut in Deutschland kleine und große Radiomoderatoren-Träume. Auf Kassetten wurden Sendungen erstellt, Musiktitel fein säuberlich ausgewählt und mit kleinen Mikrofonen moderiert. Alles rein in die Stereoanlage und heraus kam ein Meisterwerk. Der öffentlich rechtliche Rundfunk hatte alles im Griff, Privatradio gab es nicht und bis auf zum Beispiel meinen Nachbarn, der ab und zu mit einer Piratenfrequenz – Reichweite 10 bis 30 m – sendete, konnte man eben nur das hören was der BR, der NDR und alle anderen hergaben.

Wolfman

Die Moderatoren waren schon wichtige Leute im Leben eines jungen Menschen. In Würzburg aufgewachsen gab es für mich Gottschalk, Jauch, Georg Kostya  und natürlich Fritz Egner beim BR. Wenn es um Musik ging hatten wir AFN und verschlangen Wolfman Jack, Charlie Tuna und Casey Kasem’s Top 40.

gottschalk2

Werner Reinke beim hr mit seiner Hitparade (und wir waren echt erstaunt, dass der K-Tel Mann auch Radio macht) und Rainer Nitschke mit seiner unglaublichen Stimme beim SDR hatten auch was. Ab und zu Besuche in Köln und aus dem Radio kam Radio Luxembourg. Das war damals ganz anders, als alles anderen Stationen. Frank Elstners Mannschaft machte Radio, wie es bis heute wegweisend ist, gerade wenn es um die Moderation geht.

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Radio Luxembourg schuf eine ganze Moderatorenfamilie. Gab es einen Neuzugang, wurde dieser on Air durch den Programmchef Frank Elstner vorgestellt und präsentiert. Ebenso , wenn einer aus dem Team verabschiedet wurde. Neben den Stammmoderatorinnen und Moderatoren sendeten auch sogenannte Gastmoderatoren aus der Promiwelt. Musiker und andere Persönlichkeiten.

Die Moderation hatte nichts mehr mit dem seriösen Ansagen zu tun. Es wurde tatsächlich moderiert, Persönlichkeit gezeigt. Die Musikredaktion stellte sich auf die jeweiligen Moderatoren ein und so hatte fast jeder auch noch seine musikalische Note im Programm.

Den Mittelpunkt allerdings bildete der Hörer. Das war etwas Besonderes. Hatten viele Stationen noch die „Friss oder Stirb“ Taktik, also wir senden und du Hörer kannst zuhören wenn du magst, bemühte sich Elstners Team um die Hörerschaft. Es gab Gewinnspiele und andere Programmaktionen. Hatte man einen Hörer on Air wurde dieser mit Vornamen und „Sie“ angesprochen. Die Hörer duzten die Moderatoren gerne, weil es ja die Damen und Herren von nebenan an waren. Wer Radio Luxembourg hörte war Teil einer großen Community.

Als ich 1990 zu RTL kam, war der Glanz zwar lange verflogen, aber eines war noch immer vorhanden: Der besondere Umgang mit den Menschen im Sendestudio.

Elstner, so erzählten mir die alten Luxemburger Kollegen hatte ein paar Prinzipien. Das Sendestudio ist der „Verkaufsraum“. Also hatte man dort angstfrei, ungestört arbeiten können. Der gerade sendende Moderator war gerade der oder die Wichtigste Person im gesamten Sender. Somit wurde allen aufgetragen, sich um diesen zu bemühen. Wer das Studio betrat sollte gut gelaunt und positiv sein. Sämtlicher Ärger des Alltags einer Radiostation hatte dort nichts zu suchen. Wer sendete hatte für die Hörer da zu sein.

Dieses Credo ist bis heute meine wichtigste Grundregel für eine Radiostation. Wer das beachtet, kann viel Gutes für die Hörer und die Hörerbindung tun. Ich kann nur allen Programmchefs empfehlen das umzusetzen.

Mit Beginn des Privatradios in Deutschland bekamen die Moderatoren eine ganz neue Aufgabe, die Radio in Deutschland neu klingen ließ. Selbstfahrerstudios verlangten von den DJs und Hosts ein ganz neues Arbeiten. Mit dieser Einführung hatten die Moderatoren die gesamte Sendung im Griff. Nicht nur die Moderation, auch das Fahren der Sendung, die Übergänge zwischen den Musiktiteln, der Einsatz von Jingles, das Klangbild des Senders liegt seit dem in ihren Händen.

Mittlerweile ist das fast 30 Jahre her. Natürlich hat sich auch in dieser Zeit einiges verändert. Strömungen in den 90er Jahren brachten die Musik als Einschaltfaktor Nummer 1 so sehr in den Vordergrund, dass manche Stationen ihren Moderatoren keinen Platz mehr für Personality gaben. Sie waren oftmals nur noch Slogans-Aufsager. Erst seit einigen Jahren gibt es auch hier wieder eine Trendwende. An vielen Orten sucht man nun wieder, manchmal verzweifelt, nach formattauglichen Persönlichkeiten.

Der öffentlich rechtliche Rundfunk verpasste zum Glück so manche „neue“ Radioregel und dort wo es Persönlichkeiten gab, glänzten diese noch länger weiter. Außerdem wurde weiter auf Inhalte gesetzt. Was mancher Privatsender für nicht mehr so wichtig ansah.

Beide Systeme profitieren voneinander. Moderatoren der Privatradioszene senden mittlerweile erfolgreich bei den Gebührensendern.

Was gilt es also zu tun um Radio weiterhin spannend und erfolgreich zu halten? Spotify & Co bieten für alle Musikfreunde eine tolle Alternative. Musik allein, die besten Hits, Musiktest und auf Sicherheit gehen, kann es also auf Dauer nicht sein. Was Radio braucht sind Inhalte, Relevanz und kreative Persönlichkeiten am Mikrofon. Livereporter, die „das passiert gerade in Deiner Nähe“ spannend und abwechslungsreich über den Sender bringen.

Moderatoren, die Musik und Inhalte verbinden, die was zu sagen haben.

Ein Aufruf an alle Programmverantwortlichen: Relevanz, Inhalte und gebt euren Moderatoren im Rahmen des Formats, abgestimmt auf die Zielgruppe etwas längere Leine. Sprechpuppen haben ausgedient. Der Nachwuchs muss wieder besser gefördert werden. Unterstützt sie, belohnt ihren Mut, ihre Kreativität. Wenn das passiert, ist mir um uns Radiomacher nicht bange.

Moderatoren brauchen Lob

Haben Sie sich schon mal überlegt ihre Moderatoren zu loben ?

Ein Lob, ein Kompliment für eine gelungene Sendung, oder nur für einen guten Übergang, eine kreative Anmoderation, oder ein gutes Gespräch mit einem Hörer. Probieren Sie es mal aus. Sie werden etwas interessantes erleben.
Lob hat einen psychologischen Vorteil: es betont das Positive in der Arbeitsbeziehung und lenkt damit den Fokus des Programmchefs und des Moderators darauf. Die Stimmung dreht sich um die guten Ergebnisse und nicht nur um Probleme.

Moderation im Radio verlangt viel. Persönlichkeit zeigen, mit den Hörern intim sein, immer das „Richtige“ machen. Reaktionen von der anderen Seite gibt es kaum. Wird gelacht, wird etwas für gut befunden, kommt die Moderation an. Im Studio gibt es als Antwort nur das „hoffentlich“.
Wenn also bei dieser Arbeit (und diese ist eine wo wir zwangsläufig viel von uns zeigen) das Gegenüber für uns nicht sicht- und spürbar reagiert, ist die positive Zuwendung, die Anerkennung der Arbeit und Leistung durch Vorgesetzte besonders wichtig.

Auch gilt in Bezug auf das Lob des Mitarbeiters der alte Spruch: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es hinaus. Ein Mitarbeiter, der sich anerkannt und respektiert fühlt, hat keinen Grund, mit seinem direkten Vorgesetzten unzufrieden zu sein. Und letztendlich sind Führungskräfte immer auch Vorbilder: wie Sie mit Ihren Mitarbeitern umgehen, prägt den Umgang der Leute untereinander.

Loben Sie also ihre Moderatorinnen und Moderatoren und interessieren sie sich wirklich für deren Arbeit.
Sie geben nämlich ihr Bestes.

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Emotionen – ein Zitat

Damit es nun auch mal geschrieben steht, weil ich es schon so lange mit mir herum trage und es so richtig ist.

„Wir haben den schönsten Job der Welt, Wir verkaufen Emotionen“
sagt Gerhard Draxler , erfolgreicher ORF Landesdirektor in der Steiermark, auf die Frage was denn das schöne am Radiomachen ist.

Radio ist Jetzt und live

 

 

11 Stunden Mediennutzung täglich

Spannend was Nielsen und mashable.com aus den USA vermelden. Durchschnittlich nutzt der erwachsene US Amerikaner 11 Stunden irgendwelche elektronische Medien. Dabei nimmt das Fernsehen mit über 5 Stunden am Tag mit großem Abstand Platz 1 ein. Das Radio liegt mit  2 dreiviertel Stunden auf Platz 2. Smartphone und Internet dahinter mit jeweils etwas mehr als einer Stunde.

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Quelle Nielsen/mashable.com

Knapp 3 Stunden am Tag Radio ist somit noch eine Menge Zeit, den Nutzern und Kunden zu zeigen, wie gut man ist. Fragen Sie mal jemanden von amazon oder spiegel.de, wie er es finden würde, wenn er seine Kundschaft täglich fast 3 Stunden auf seiner Seite hätte. Er würde vor Freude in die Luft springen, sich in sein Cabrio setzen, das Radio mit seiner Lieblingsmusik laut aufdrehen und davon rauschen..

Stay tuned

Quelle: http://mashable.com/2014/03/05/american-digital-media-hours/

 

65 Jahre UKW

Am 28 Februar 1949 strahlte der Bayerische Rundfunk sein Programm als erster Sender in Deutschland per Ultrakurzwelle aus. 1965 folgten die ersten UKW-Sendungen in Stereo. Ein Jubeltag für alle Radiomacher also. Und wieder wird es zum Anlass genommen Radio als Auslaufmodell darzustellen.

Erstens sprechen die Zahlen dagegen und zweitens lässt sich mit hängenden Köpfen kein gutes Programm machen.
Radio geht weiter, der Übertragungsweg wird sich ändern. Gute Inhalte sind gefragter denn je.

Und wer mal Radio gemacht hat, weiss wieviel Spaß das macht, wie schnell und unmittelbar es ist. Es ist nämlich immer genau Jetzt !